Der Domschatz
Der Domschatz Eine Geschichte vom Niederrhein. Friede ernährt, Unfriede verzehrt! Das ist ein altes, wahres Wort! aber manche Leute mögen nicht dran glauben. Am Niederrhein liegt ein kleines Dorf, hübsch und reinlich, und wohnen wohlhäb'ge Leute darinnen, denn Äcker und Wiesen sind ergiebig und das Volk ist fleißig und ordentlich. Der reichste Bauer aber war der alte Andres, dessen Haus und Stallungen zunächst beim Strome liegen, vorn wo der Leinpfad am Dorfe vorbeizieht. Als der zu sterben kam, ging all sein Gut bloß auf zwei Söhne über: der älteste hieß Kaspar, der jüngste Sebulon. Der Kaspar war von Jugend auf ein gesunder baumstarker Kerl gewesen, der mit fünfzehn Jahren seinen Pflug leitete und seine Sense führte wie ein Alter; und wenn er abends nach Hause kam, verstand er's gleichfalls, in Kartoffeln und Klötze einzuhauen wie der beste Meisterknecht. Der Sebulon aber hatte in seiner Jugend die englische Krankheit gehabt und Lebertran drei Jahre trinken müssen statt Bier. Auch alle andern Kinderkrankheiten machten ihm's Leben sauer. Zwar erkriegte er sich nach dem vierzehnten Jahr, aber krumme Wackelbeine behielt er, und der Barbier hat nie viel von ihm verdient, weil er keinen Bart bekam. Zum Vieh und Ackergerät hatte er kein Gemüt; am liebsten lag er hinterm Ofen, spielte mit Nachbarskindern, die viel jünger waren als er und tüftelte ihnen allerhand Spielzeug zusammen,