Kapitel 1
Eine leichte Nordostbrise streicht in der Morgenfrühe des Frühlingstages von der holsteinischen Küste über die Elbmündung. Die Sonne liegt schon eine Weile auf dem blänkernden Wasser und beginnt dessen oberste Schicht zu durchwärmen. Ein herber Dunst wie von Salz und Seetang steigt in die Luft und läßt sich über den grünen Deich ins Land Hadeln hineintragen. Es ist Ebbezeit, und das Wasser zieht schwerfällig westwärts. Wo die freiliegenden grauen Sandbänke ans Fahrwasser stoßen, schimmern die nassen Flächen in blassem Grün. Das Watt blüht, sagen dann die Küstenbewohner. Das heißt, nur die wenigen von ihnen, die für so etwas Auge und Sinn haben. Aber auch die würden den grünen Hauch kaum wahrnehmen, wäre nicht vor wenigen Stunden die Flut darüber gegangen. Im Schlick stehen weißliche Möwen und schlucken gierig die kleinen Fische, die den Anschluß an das vom Watt ablaufende Wasser versäumten und nun in den Baljen und Prielen stecken. Im Randwasser waten stelzbeinige Reiher, in größter Seelenruhe, denn in dieser menschenleeren Welt brauchen sie sich nicht über unlauteren Wettbewerb von den Granatfischern zu ärgern. Die sind auf den schmalen Wattstreifen in der Nähe der Deichküste geblieben, steigen mit hochgekrempten Hosen im Wasser herum und schieben ihre Netzhamen langsam vor sich hin. Rings auf den weiten Flächen bietet sich dem Wind nicht das geringste Hindernis. Längst hat er