Die Leopoldstadt.
Die alte, gute Zeit! Das ist eine Redensart, die von Jahrhundert zu Jahrhundert klingt, alles Vergangene ist uns Auktorität, ist uns umkleidet mit ep'schem Reize. Es mag eine Entschädigung der Gottheit für uns darin ruhen, daß wir Dahingeschiedenes zum Genuß verarbeiten können, und zwar das Dahingeschiedene jeder Art, auch das Kläglichste; eine Entschädigung für unsere mangelhaften Organe zu gegenwärtigem reellen Genusse. Die alte gute Zeit und das alte gute Wien gehören zu einander wie ein Paar Eheleute. Bei dem Einen denkt man an das Andere. Es hat etwas 2 Rührendes, mit welcher ängstlichen Emsigkeit sich die Wiener den Glauben zu erhalten trachten, es sei bei ihnen noch die alte gute Zeit und Wien sei und bleibe ewig unverändert Wien, wie es Wien gewesen vor fünfzig Jahren. Sie mögen sich's kaum gestehen, daß es hie und da an Geld fehle, daß ihr Leopoldstädter Theater nicht mehr so besucht sei. Es war ein sonnenheller Nachmittag, als ich die Jägerzeil entlang strich, um den Prater zu suchen. Dieß ist der Weg der großen Praterfahrten, bekannt und berühmt durch Bilder und Erzählungen. Die Straße ist so breit, stattlich und gerade wie keine andere in Wien, hier fährt der Kaiser am Ostertage mit sechs Schimmeln, und die reichen Kavaliere aus Oesterreich, Ungarn und Böhmen suchen und studiren ein Jahrlang nach schönen Pferden und Wagen, nach glänzendem Riemzeug und blitzenden