Eudoxia
Eudoxia von Mayenwald saß am Fenster ihres Elternhauses vor dem zierlichen Nähtische: aber ihre Aufmerksamkeit war keineswegs von der Arbeit gefesselt. Das fünfzehnjährige Herz schlug etwas aufgeregt, denn sie sollte heute abend mit ihrer Mama zum allererstenmale ein Konzert der Hauptstadt besuchen, weshalb sie auch bereits in geeigneter Toilette prangte. Die fröhlichen Augen schweiften wiederholt zum großen Ankleidespiegel, der gerade die rechte Stellung für diesen Zweck einnahm, und wahrhaftig, ein niedliches Bild glänzte auf dem Glase. Die dunkeln Haare, wellenartig zurückgestrichen, ließen eine rosige, breite Stirne sehen, das feine Näschen war eine Zier in Mitte des blühenden Gesichtes, um den hübschen Mund spielte ein Lächeln, und was die Augen betraf, so lag darin eine liebe, heitere Seele. Ihr Anzug bestand aus einem blauen Baregekleide. Es war eben alles nach der neuesten Mode, da sie erst seit zwei Monaten sich wieder zu Hause befand und die abgelegten Institutskleider eines armen Kindes harrten, um dieses zu Weihnachten auszustaffieren. Nach einigen solchen Seitenblicken konnte Eudoxia kaum ein lautes Auflachen unterdrücken, denn sie machte Vergleichungen. Welch ein Unterschied zwischen diesem Spiegelbilde und dem Institutszöglinge mit den festgeflochtenen Zöpfen, welche wie angenagelt ums Haupt gewunden waren! dazu das grüne Uniformskleid, unter dem sich dicke