Chapter

Unser Mutterchen

Unter der großen Linde war der Kaffeetisch gedeckt. Das dichte Laub des alten Baumes ließ keinen Sonnenstrahl durch; so verspürte man wenig von der drückenden Junihitze. Frau Gregor schaute nach allen Seiten aus. Weder ihre drei Buben noch ihr Mann ließen sich sehen. Freilich, bei Doktor Claus Gregor war es nichts Seltenes, daß er den Nachmittagskaffee versäumte; zuviel Arbeit lastete auf ihm. Aber ihre Kinder waren zur Pünktlichkeit erzogen, und längst hatte die Uhr die vierte Stunde geschlagen. Frau Gregor, von ihrem Mann und allen Bekannten trotz ihrer fast dreißig Jahre immer noch wie in ihrer Kinderzeit »Pucki« genannt, ließ sich auf einem bequemen Gartenstuhl nieder. Es war sonst nicht ihr Platz, hier saß sonst ihr Mann, ihr Claus. Aber von diesem Stuhl aus konnte sie jene Fenster der Klinik sehen, hinter denen der beliebte Arzt seine Sprechstunde abhielt. Wenn sich eins der Fenster öffnete, wußte sie, daß der letzte Patient gegangen war und sie Claus erwarten konnte. Pucki gab sich, während sie sinnend dasaß, der Träumerei hin. Sie konnte mit ihrem Los zufrieden sein. Aus der kleinen wilden Pucki, die in ihrer Jugend manchen dummen Streich begangen hatte, war die beliebte Frau eines angesehenen Arztes geworden. Er hatte sich aus eigener Kraft, durch unermüdlichen Fleiß, durch Tüchtigkeit, Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit emporgearbeitet und leitete nun eine eigene

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