1. Kapitel. O bella Napoli
In die Stazione centrale, den Hauptbahnhof von Neapel, brauste der von Norden kommende Zug. Ein Herr im hellen Sommeranzug, der seit einer Viertelstunde schon erwartungsvoll auf dem belebten Bahnsteig auf und ab geschritten, seine Uhr immer wieder mit der Bahnhofsuhr vergleichend, lief aufgeregt an dem langen Zuge entlang. Wo steckten sie denn nur, seine Lieben? Seine Frau, seine beiden Kinder, die er ein ganzes Jahr nicht gesehen hatte. Dunkelbrünette Gesichter, brennendschwarze Augen der Italiener; aber dazwischen auch hellhaarige, blauäugige Fremde, Vergnügungsreisende, die jetzt zur Osterzeit den Süden besuchten. Vergeblich spähte Professor Winter in alle die fremden gleichgültigen Gesichter. Wo – wo mochten sie sein, sein Bubi, sein Mädichen? » Facchino – facchino –!« schrie und hallte es über den Bahnsteig nach Gepäckträgern. Da plötzlich unter all dem Lärm des italienischen Stimmengewirrs deutsche Laute – Kinderstimmen, hell wie Lerchenschlag – »Vati – Vatichen!« Und da hing auch schon eins vorn, eins hinten den Rücken entlang, dem Vater am Hals, ihn streichelnd und küssend: »Vatichen, liebes Vatichen, nun sind wir wieder bei dir!« »Mein Bubi – mein Mädichen – seid ihr groß geworden in dem Jahr!« Mit dem einen Arm umschlang der Professor seine Zwillinge, mit dem andern seine Frau, die, Tränen in den Augen, vor Freude kein Wort über die Lippen brachte. So hielt er