Erstes Kapitel
Der nachfolgenden Erzählung liegen geschichtliche Thatsachen zu Grunde; da dieselben jedoch der neueren Zeit angehören und aus anderen Ursachen haben wir es uns versagen müssen, das Bild der unglücklichen Prinzessin in einen historischen Rahmen zu fassen, überzeugt, daß es dem in die Geschichte der Höfe eingeweihten Leser leicht sein dürfte, die Vorbilder zu den in dem Roman gezeichneten Charakteren zu erkennen. Es war etwa fünf Uhr Morgens. In dem Palais des Prinzen Albert herrschte, wie gewöhnlich um eine so frühe Zeit, lautlose Stille. Vor acht oder neun Uhr pflegte sich daselbst selten das Tagewerk geltend zu machen, besonders wenn der Prinz in seinem Palais anwesend war; er huldigte der Morgenruhe, da ihm das Nachtleben zusagte. Anders war es mit seiner Gemahlin, der Prinzessin Sidonie; sie war eine Freundin des frischen Frühmorgens und seiner Sabbathstille, und liebte es, sich, ohne mehr als ihre Kammerfrau zu beanspruchen, allein oder in Gesellschaft der ihr befreundeten Hofdame, Aurelie von Ketten, des ersteren zu erfreuen. Gewöhnlich machte sie alsdann einen Gang durch den an das Schloß grenzenden Park, oder dehnte den erstern wol auch bis in den nahen, von lustigen Vogelstimmen durchtönten würzigen Wald aus, dessen ungekünstelte Naturschönheit sie ganz besonders liebte. In einem kleinen Gemach des Palais befand sich an diesem Morgen eine Dame von ungefähr