Preisgekrönt
Der seit vierthalb Jahren in Gott ruhende Ehegemahl Adelaidens, Ottfried Cäsar von Weißenfels, königlich sächsischer Hof- und Schulrat, war ein ganz vernünftiger Mann gewesen. Dem läuternden Einfluß dieses kraftvoll ernsten Charakters glückte es beinahe durchweg, die beiden Hauptfehler seiner Lebensgefährtin, die übertriebene Sparsamkeit und den literarischen Dilettantismus, gründlich im Zaume zu halten. Adelaide hatte zu Lebzeiten ihres königlich sächsischen Hofrats würdig und zweckentsprechend repräsentiert, wenn es auch hier und da einer freundlichen Standrede über die allzu einfach werdenden Küchenzettel bedurfte. Sie hatte sich ferner mit dem Gedanken vertraut gemacht, von dem praktisch nüchternen Ottfried in ihrer Eigenschaft als Poetin mißverstanden und, wenigstens äußerlich, auf das Niveau prosaischer Durchschnittsfrauen heruntergedrückt zu werden; daher sie denn seit dem zweiten Quartal ihres Eheglücks das Lyrische Tagebuch – so nannte sie die köstliche Reinschrift ihrer poetischen Eingebungen – wie eine verbrecherische Korrespondenz im tiefsten Schubfach ihres Schreibsekretärs verschloß und höchstens einmal ihrer vertrautesten Freundin, der Frau des Majors Friese, ein paar bedeutsame Stellen vorlas, bis auch dieses mitfühlende Herz ihr auf dem Weg der Versetzung nach Koblenz verloren ging. Seit Ottfried Cäsar jedoch infolge eines apoplektischen Anfalls die klugen,