Erstes Kapitel
Das war ein wilder Novembersturm. Mit schneeweißen Schwingen sauste er über das flache, einsame, todesstarre Ostpreußen, meilenweit über Heide und Steppe, stundenlang über düstere Tannenwälder, über Bruch und Acker, über schilfumknisterte Seen. Und er schüttelte die hohen Fichtenhäupter, riß ihre Zweige splitternd zu Boden und peitschte das Röhricht am Flußufer in die gelbe, aufbäumende Flut. – – Ein tolles, wüstes Lied ruheloser Wanderschaft gellte er der Welt in die Ohren, ein Lied der Empörung und der Freiheit, wie er es drüben, jenseits der politischen Grenze, jauchzend ausgegriffen. Das weite Land ringsum aber lag im tiefen Todesschlaf, nur die wogende Wasserfläche des Sees hob sich schwer und langsam wie eine aufseufzende Brust, und über ihr und den endlosen Schneefeldern verwehte des Sturmwindes Klang. Es schüttelte der unbändige Gesell zornig seine Flügel und stäubte die Schneeflocken hernieder auf die Ebene, immer dichter und dichter wirbelten sie, immer höher deckten sie der Erde schlafend Angesicht, fleckenlos weiß wie das Bahrtuch, welches starren, atemlosen Frieden verschleiert. Dann flog er weiter und streckte zu Boden, was sich ihm zu hochgewachsen in den Weg stellte. Er ist Herr und Meister hier! – Wer wagt es, seine stolze Siegesbahn zu hemmen? – Schloßtürme?! … Hoch und trotzig ragen sie plötzlich empor, streckten ihre grauen Häupter den Wolken entgegen und