Ideale an Wochentagen
Man traut sich kaum mehr recht, es so einfach hinzuschreiben: »Ideal«, dieses Wort, an dem herumgedoktert wurde wie an keinem zweiten im Wörterbuch, bis es etwas Vages, Hybrides geworden ist, eine schale Abstraktion, gut genug, das wahrhafte Ding, das es bezeichnen soll, irgendwohin weit weg von uns zu praktizieren, in eine respektvolle Entfernung zu schieben, wo es möglichst harmlos wird und lieblich anzuschauen. Wohin man mit seinen naturgemäß schwachen Menschenkräften gar nicht mehr langen kann. Und von wo aus es einem überdies auch nichts mehr anzuhaben vermag. Setzt man ein etwas näherliegendes, verständlicheres Wort an Stelle von Ideal, etwa: »Menschlichkeit«, »Würde« oder »Pflicht«, so sieht sich das Ganze gleich vertrauter an. Nicht mehr wie ein uneinlösbares Versprechen, nicht mehr wie ein kindischer Wahn oder ein Kindheitstraum, auch nicht mehr wie eine in der Tasche geballte Faust. Sondern schon eher wie ein solider und ehrenwerter Gebrauchsgegenstand, an den wir uns getrost halten können. Der uns zu unserer Existenz dient. Den wir anziehen können, wenn's uns friert, mit dem wir uns säubern können, wenn wir uns beschmutzt fühlen. Den wir meinetwegen wegschenken können wie ein Stück von unserem Mantel oder wie ein Stück Seife von unserem Waschtisch. Hat man eine Zeit gelebt und doch noch etwas für die Menschen übrig, so ist da weit und breit kein betrüblicheres