Kapitel 1
Am Sonntag Jubilate hätte der Pfarrer von Urdenbach, Daniel Klinghammer beinah den Gottesdienst versäumt. Seine Mutter lag krank zu Bett und konnte ihn deshalb nicht an die Zeit mahnen. Erst als die Küstersfrau mit ihren dürren Knöcheln gegen die Fensterscheiben seines Studierzimmers pochte, fuhr Daniel aus seinen Gedanken auf. Er hatte geträumt, so aller Welt entrückt, wie nur ein Verliebter es kann. Voll Eile band er sich die Bäffchen um, warf den Talar über, setzte das Barett auf und verließ das Haus. Der Pfarrer war eine schlanke Gestalt, sein blasses, zartes Gesicht hatte einen etwas verstörten Ausdruck, wie das eines Menschen, der sich nicht recht wohlfühlt in seiner Haut und allzu viel spintisiert. Obwohl er mehr lief als er ging, setzte er doch die schmalen Füße äußerst vorsichtig auf, wie wenn er an das Straßenpflaster noch immer nicht gewöhnt wäre. Dies war allerdings auch schauerlich schlecht. Die Urdenbacher machten darüber selbst ihre Witze und meinten, in ihrer Stadt würde das Pflastern von den Schuhmachern besorgt. Gerade wollte Daniel den Gottesanger betreten, als er einen kurzen Blick auf die steil bergan führende Seitenstraße warf, ob von dort her vielleicht noch ein verspäteter Kirchengast käme. Im selben Augenblick tauchte in der Ferne auf der Höhe der Straße ein Mann auf, der sich ganz frei von dem leeren Horizont abhob. In seinen Armen hielt er eine