Ein-Rohling-Der-Passt
Ima hatte vielleicht vierzigtausend Schlüssel gefeilt, und sie erkannte einen guten Rohling im Dunkeln an seinem Gewicht. Darum wusste sie in dem Moment, als sie diesen aus der Kiste mit dem seltsamen Bestand hob, den sie auf der Nachlassauktion gekauft hatte, dass er falsch war. Er hatte die richtige Form — ein gewöhnlicher Sechsstift-Hausschlüssel —, aber er war zu leicht und warm, und das Messing trug eine feine Maserung wie Holz.
Sie feilte ihn trotzdem, aus einer Laune heraus, nach einem Profil, das sie sich ausdachte. Das hatte sie ihr Leben lang nie getan. Ein Schlüssel ohne Schloss ist ein Unding; man feilt zu einem Schloss, nicht zu einer Vermutung. Doch ihre Hände drehten das Rad, die Feile biss, und heraus kam ein Schlüssel, gefeilt zu gar nichts, und sie hängte ihn an ihren Ring neben den eigenen Haustürschlüssel, weil beide fast gleich groß waren und sie es ordentlich mochte.
In jener Nacht kam sie müde heim und benutzte aus Versehen den falschen.
Die Tür ging auf. Das war das erste Unmögliche — ihr eigenes Schloss hätte einen zu einer Vermutung gefeilten Schlüssel abweisen müssen. Doch die Tür schwang auf in ihren eigenen Flur, ihre eigenen Mantelhaken, ihren eigenen Geruch nach alten Büchern und Ingwertee, und Ima stand blinzelnd auf der Matte und dachte, sie habe sich nur im Schlüssel geirrt.
Dann sah sie die Fotografien.
Dieselbe Wand. Dieselben Rahmen.