Kapitel 1
Es war ein gewöhnlicher Mittwoch im Juni. Aber Lustigern, das so einsam in den gemähten Toggenburgerwiesen zusammengenistet sitzt, trug den Sonntag im Gesicht. Niemand arbeitete, alles steckte im dunkeln Rock. Mit Ausnahme des Tälerhauses, wo der Witwer Marx schon tagelang am Sterben liegt und zwischen Werktag und Feiertag nicht mehr unterscheiden kann, haben alle hölzernen Wohnungen ihre Scheiben geputzt, den Türsöller gescheuert und etwa ein Eibenkränzlein am mittlern Fenster ausgehängt. Kirche, Pfarrhof, der Gasthof zur Ilge und das Schulhaus lassen überdies eine grünweisse Fahne vom Dachgiebel flattern und beim uralten Egidihaus, wo das Dorf an der Landstrasse sich allmählich auflöst, ward ein Triumphbogen aus Tannenreis über die Strasse gewölbt. Zwei bemalte Tafeln hangen daran, die eine nach dem Dorf zurück, die andere vorwärts in die Felder gekehrt. Denn der neue Pfarrer Carolus Bischof zieht heute in seinen Sprengel ein. Darum gucken die hundert und hundert kleinen Fenster und Augen von Lustigern so neugierig auf die Strasse. Da aber der Täler seit dem Gehirnschlag vor vier Tagen stumm und lichtlos im Bett liegt und nach nichts mehr fragt, mochte auch das alte Rumpelhaus nicht glänzen. Seine Fenster schauen wie blind in den Tag, die Haustüre ist geschlossen wie ein Mund, der nichts mehr reden kann, und nur der dünne, graue Rauch, der dann und wann langsam aus dem Kamin