Olivia Marianne
An Buitenzorg auf Java, im Botanischen Garten, steht ein Grabmal, ein tempelartiger kleiner Bau im Stil der Empirezeit, nur ein rundes, offenes Dach getragen von weißen Säulen, darunter ein Grabstein mit einer Urne, alles in einfachen Linien, edel und still, ein Ton aus der Zeit unserer Urgroßväter, als Europa noch das alte, vornehme, seltsam naive, rührend-provinzielle Europa war. Das Monument wirkt wunderlich fremd hier, fern von seinem Zusammenhang, es steht so vereinsamt da draußen in der weiten Welt, von der unsere Urgroßväter nur ehrfürchtige, bewundernde Vorstellungen hatten, so vereinsamt mit seinem stummen Bericht von einer entschwundenen Zeit und von denen, die tot sind. Turmhohe Palmen spenden Schatten darüber, rings ragen riesenhafte Bäume empor, Arten, die einem Europäer unbekannt sind, wenn er auch ihre Namen wissen müßte, eine gewaltige, überfruchtbare Vegetation, ein Tropenpark, der wohl an den Garten Eden erinnern könnte. Aber hier sind weder wilde Tiere, die in Freiheit umhergehen, ohne einander zu fressen, noch das erste Menschenpaar im Zustand der Seligkeit. Die Bäume stehen da, als ob sie sich langweilen, und wachsen, wachsen; hier ist eine mächtige, geschulte und mit Etiketten versehene Fruchtbarkeit, aber leblos, ohne Seele. Nicht einmal Insekten scheinen hier zu sein, nur vereinzelt ein kleiner Singvogel, der sich irgendwo in den dichten Kronen versteckt