Erstes Kapitel
Der Professor Anton Frohgemuth saß in seinem Konferenzzimmer allein und blätterte in der Zeitung. Immer hielt er sich hier noch eine Weile auf, wenn der Unterricht zu Ende war, und horchte, ob der Lärm der abziehenden Schüler vorüber sei. Denn all diese Knaben mit ihren hellen Mienen konnte er nur ertragen, wenn sie geordnet in den Reihen der Bänke vor ihm saßen, schweigsam und gebändigt. Ihr entfesseltes Lachen und Rufen aber erschien ihm wie eine laute Feindseligkeit; ihr Springen und Laufen erbitterte ihn, als sei dies ganze Getümmel irgendwie gegen ihn gemünzt. Er hatte da draußen, vor der Türe des Gymnasiums, schon so viele Minuten vergeblicher Wut durchgemacht, daß er sich's nicht weiter mehr zumuten wollte. So blieb er denn jetzt alle Tage im Konferenzzimmer, kam sich, weil er in dem dämmerigen Raum allein war, immer wie ein Gefangener und immer ein wenig gedemütigt vor, und las die Zeitung, damit die Viertelstunde schneller verrinne. Wie seine Blicke nun über die Zeilen hinfuhren, mehr stöbernd als lesend, wurden sie von einem Namen angehalten, der aus dem Gewirre der Buchstaben hervortrat. Fräulein Olga Frohgemuth . . . stand da. Der Professor erschrak, als habe er eine Unvorsichtigkeit begangen, als habe er durch eine unachtsame Bewegung die Hülle von einem verhängten Bild gestreift, und als sei nun plötzlich ein Antlitz entblößt, in das er nicht mehr schauen wollte.