Einige Eintragungen
In der »Leipziger Illustrierten Zeitung« las ich eines Tages das begeisterte Lob eines Buches über deutsche Volkstrachten und ließ es mir kommen. »Die beste Kennerin der deutschen Volkstrachten,« so hieß es da, »habe dieses Werk geschrieben. Die Verfasserin habe mit der Kamera in der Hand und mit dem geschärften Blick der Sachverständigen das deutsche Vaterland durchwandert und den Stand des Trachtenwesens am Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts aufgenommen.« Ei, wie interessant! Hinter den Ofen warf ich das Buch, nachdem ich es durchblättert hatte. Nie hat ein Titel, nie eine Kritik mich so in die Irre geführt. Mag es nur ja kein Deutscher außerhalb der reichsdeutschen Grenzpfähle in die Hände nehmen, denn er wird nichts damit anzufangen wissen. Der Titel lautet wörtlich: »Die deutschen Volkstrachten zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Nach dem Leben aufgenommen und beschrieben.« Mit keinem Hauch ist angedeutet, daß die dreißig Millionen Deutschen, die politisch nicht zum Reich gehören, aber kulturell untrennbar von ihm sind, von der Ehre, in diesem Buche dargestellt zu werden, ausgeschlossen wurden. Da der Verlag ein sehr angesehener ist, darf man annehmen, daß die Absicht einer Täuschung des Publikums fehlt. Das macht die Sache aber nur noch schlimmer, denn gerade die Selbstverständlichkeit, mit der wir von reichsdeutschen Skribentinnen und Verlegern als nicht zum