1. Am Silvesterabend
Es war Silvester. Ein scharfer Nordostwind heulte und trieb den Schnee, der die Tage vorher in ergiebiger Menge gefallen war, hier und da zu hohen Schanzen zusammen. In den Städten, auf den gepflasterten Straßen ließ sich wohl noch fortkommen, aber wehe denen, die auf offener Landstraße waren, denen der Sturm den Schnee ins Gesicht blies und den Weg verdunkelte. Es mochte 4 Uhr nachmittags sein, da wanderten zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, in den Straßen der Vorstadt S. Sie schienen an Wind und Wetter gewöhnt, sonst hätten sie's wohl nimmer ausgehalten am heutigen Tage. Ihre Kräfte waren auch erschöpft, denn sie standen still und schnappten nach Luft. Da kam der Wind und riß dem Mädchen das dünne Kopftüchlein weg, so daß die schwarzen Haare wild umherflatterten. »Halte meinen Korb«, rief sie dem Knaben zu, und schnell wie der Wind lief sie dem Tüchlein nach, bis sie's erfaßte, schüttelte den Schnee ab, strich die lockigen Haare hinter die Ohren und band die Hülle mit festem Knoten. Dann nahm sie ihren Korb und sagte zu dem vor Kälte zitternden Knaben: »Mache schnell, daß wir vorwärts kommen, vielleicht bekommen wir in einem der Häuser etwas geschenkt, oder läßt uns eine Köchin in die Küche an den warmen Herd, in den Küchen der Reichen riecht es immer so gut.« »Wir wollen doch lieber gleich nach Hause«, sagte der Knabe, »mich friert so sehr.« »Zu Hause müssen wir noch