Ein Märchen
In einem dichten, unabsehbaren Walde lebte seit einigen Jahren ein Förster. Er hatte geheirathet und wohnte mit seinem Weibe in einer Hütte, die er sich selbst erbaut, auf dem finstersten und verstecktesten Platze Kinder waren ihm vom Himmel versagt worden, Freunde und Bekannte hatte er nicht, und einen alten Oheim seines Weibes ausgenommen, der des Jahres einmal in den Wald zu kommen pflegte, betrat die einsame Herberge kein Menschenfuß. Die tiefe Einsamkeit, die dadurch Frühling, Sommer und Herbst über herrschte, schien dem seltsamen Manne auch ganz recht zu seyn. Er konnte Stundenlang dann wohl auf dem Bänkchen vor seinem Hause sitzen, und während er in die tiefste Waldnacht hineinblickte, horchte sein Ohr dem wunderbaren Rauschen im Forste und dem Tosen der wilden Gebirgswasser, die, sich in mannichfaltigen Richtungen kreuzend, den Wald durchzogen. Dabei sah er bleich und abgefallen aus, seine grüne, weite Kleidung umschloß einen langen, dürren Körper, und den Zügen seines feinen, blassen Gesichts gaben ein Paar hellblaue, glanzlose Augen einen schmerzlichen, krankhaften Ausdruck; man wußte sogleich, wenn man ihn ansah, daß er ein trauriges Daseyn führe. Nur wenn die Zeit der Frühlings Tag- und Nachtgleiche heranrückte, wenn der heftigere Lauf der Gebirgswasser das Brechen des Eises und die Entkleidung der Fluren vom Schnee ankündigte, wenn der Waldkrokus seine Knospe