Sehnsucht in die Ferne
Eigentlich hatte der Frühling nicht die amtliche Erlaubnis, in die Wiener kaiserlich-königliche Finanzhofstelle zu kommen, wo der Beamte der Zollverwaltung, Franz Grillparzer über den langweiligsten Akten brütete, die jemals einem Dichter Leben und Schaffen verleidet haben. Aber er kam dennoch, auch ohne Erlaubnis, der Frühling, und gleich einem großen, regierenden Herrn hatte er seine Ambassadeurs vorausgeschickt: den Sturm, um die kahlen Bäume am Glacis aus ihrem Winterschlaf zu rütteln, und die steigende Sonne, um aus dicken braunen Knospen Blätter und Blüten hervorzukitzeln. Auch in den Amtsräumen merkte man seine Ankunft; die älteren Herren klagten über Gicht und Rheumatismus, mittlere Jahrgänge sprachen vom Frühjahrsavancement und die jungen von Ausflügen nach Sievering, Grinzing und Heiligenstadt, oder vielleicht gar nach Baden, im Zeiserlwagen oder Fiaker, mit lustiger Gesellschaft. Nur der Zollverwaltungsbeamte Franz Grillparzer sprach nicht von dergleichen prosaischen Dingen. In lässiger Haltung, den fein geschnittenen Kopf ein wenig zur Seite geneigt, saß er an seinem großen wurmstichigen Schreibtisch, auf dem sich aus einem Wust von beschriebenen Papierblättern ein schwarzes Kruzifix erhob. Das niedrige Gemach war von Moderduft erfüllt und bis hinauf zur geschwärzten Decke mit Büchern, Aktenbündeln und Papierstößen vollgestopft. Durch kleine staubblinde