Der Rhein
Die Stelle am Rhein, an die der Schlüssel ihn führte, lag zwischen Worms und Loreley, an einem Uferabschnitt, den die Strömung seit Jahrhunderten unterspülte. Wirth kam in der Dämmerung, allein, weil er niemandem von dem Schlüssel erzählt hatte — nicht aus Geheimniskrämerei, sondern aus Scham, denn ein seriöser Archäologe folgte keinen mysteriösen Schlüsseln an den Rhein wie ein Held in einem Märchen.
Das Wasser war an dieser Stelle ungewöhnlich still, als hielte der Fluss den Atem an. Wirth watete hinein, bis es ihm an die Knie reichte, und der Schlüssel in seiner Hand begann zu vibrieren, stärker mit jedem Schritt, bis er so heiß wurde, dass Wirth ihn fast losgelassen hätte. Unter seinen Füßen spürte er etwas Hartes — nicht den schlammigen Flussboden, sondern Stein, glatt und bearbeitet, eine Stufe, die hinunterführte.
Er tauchte. Das Wasser war kalt und dunkel, aber der Schlüssel leuchtete nun, ein fahles Gold, das den Weg wies. Die Stufen führten tief hinab, tiefer als der Fluss, tiefer als die Geologie es erlaubte, in eine Kammer aus schwarzem Stein, in deren Mitte eine Tür stand — eine Tür ohne Wand, ohne Rahmen, nur eine Tür, allein im Wasser, und in der Tür war ein Schloss, das so alt war wie die Sage selbst.
