Chapter

Jorinde

Vor einem der alten Festungsthore der Stadt Augsburg stand noch in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts ein Häuschen mitten in einem großen, verwilderten Garten, den schon seit Menschengedenken Niemand mehr betreten hatte. Eine hohe Mauer, deren Bewurf von Regen und Schnee zernagt kaum noch hie und da an den Steinen hing, lief in weitem Viereck um das öde Grundstück herum, und nur durch das schwere eiserne Gitterthor zwischen den beiden mit Wappenlöwen gekrönten Mittelpfeilern konnte man einen verstohlenen Blick in das Innere werfen. Man sah von dem Häuschen, das nur Ein Stockwerk hatte, nichts als ein Stück des verwitterten Schindeldaches über die Taxushecke hervorragen, die gleich hinter dem Eingang gepflanzt dazu bestimmt schien, neugierige Blicke abzuwehren. Jahr um Jahr wuchs diese Hecke, an der so lange schon keine Gärtnerscheere gestutzt hatte, und Jahr um Jahr schien die schwarze Dachlinie des Gartenhäuschens tiefer hinabzusinken, so daß man den Tag kommen sah, wo hinter den rostigen Schnörkeln des alten Thores nur noch eine dunkelgrüne Wildniß zu schauen sein würde. Eine halbverschollene unheimliche Geschichte knüpfte sich an diesen Garten. Ein vornehmer Herr – nach Anderer Meinung gar ein hoher Kirchenfürst – hatte das Häuschen für eine Dame, die er liebte, bauen und mit allem üppigen Hausrath, wie er in den Lustschlössern der Rococozeit zu finden war,

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