Natur und Gnade
Felix von Oßler war seit Kurzem in die Stadt zurückgekehrt, in der er seine Kindheit verlebt hatte; nach vieljähriger Entfernung fand er dieselben engen, dunklen krummen Gassen wieder, fand, wenn auch zum Theil in anderer Auflage, dieselbe gleichgültige, schwerfällige Menschenart, mit der er wenig sympathisirte. Die vaterländische Zeit, in welche seine Jugend fiel, war eben die des Stillstehens und Ausruhens nach gewaltiger Bewegung und den jungen Mann hatte in die Heimath nicht jener Zauber zurückgelockt, unter welchem das Alte sich verjüngt. Er hatte sich mit so beharrlichem Ernst in seine neue Beamtenstellung einzuleben gesucht, daß er heute zum erstenmale aus dem düsteren Festungsthore in's Freie trat. Er war auf dem Wege zu einem Jugendfreunde, den er nun auch schon ein Jahrzehnt aus den Augen verloren und den er in den jüngsten Wochen abwesend gewußt hatte. Eine fruchtreiche Ebene lag vor ihm ausgebreitet, nur gegen Mittag begrenzt durch die Kette der letzten deutschen Berge. Da, wo der Strom die Kette durch brochen hat, um von nun ab ruhig dem Meere zuzuwallen, öffnet sich der Blick in eines unserer herrlichsten Thäler. Von eichen- oder buchenbewaldeten Höhen eingerahmt, wechseln Feld, Forst und Wiese in gedeihlicher Fülle. Zur Rechten der engen Pforte drängte sich ein Städtchen zwischen Fels und Fluß, zur Linken lag vereinzelt Roderichs, des Freundes, väterliche