I. Ihr Roman
Novellette Im Orphelinat zu Ardoisière (Seine-Departement) war es den Anstaltsschwestern ein für allemal strengstens von der Oberin untersagt, die Phantasie der ihrer Obhut anvertrauten Waisenkinder durch das Erzählen von Märchen und andern verlogenen Geschichten zu erhitzen. Madame Vincent huldigte der Ansicht, daß nur die ernsteste und rücksichtsloseste Wahrhaftigkeit in der Erziehung imstande sei, diese Unglücklichen Geschöpfe, die so früh auf eignen Füßen stehen lernen mußten, gebührend für die grausame Härte des Lebens vorzubereiten. Sie hatte den »schwarzen Mann«, mit dem die widerspenstigen Kleinen früher in Schach gehalten worden waren, den St. Nikolas, der den artigen Kindern noch unter der Herrschaft ihrer Vorgängerin Aepfel und Nüsse in die Pantöffelchen gezaubert hatte, und auch die Frau Holle, die ehedem in Ardoisière ihr Bett zu schütteln pflegte, offiziell abgeschafft. Aber die kindliche Phantasie läßt sich nun einmal durch Hausordnungsparagraphen nicht in Schranken halten. Und zu ihrem Kummer, ja Entsetzen mußte es Madame Vincent immer wieder erleben, daß einzelne ihrer Zöglinge den natürlichsten Elementarereignissen, deren Entstehen sie doch schon so oft in lichtvoller Weise erklärt hatte, wie Donner, Wind, Blitz und Hagelschlag, eine Art Personifikation beizulegen sich unterstanden. Lou Visinard war diejenige, die von allen Insassen des Orphelinats die meisten