Chapter

Der Neumond

Der erste Mord geschah bei Neumond im Januar, in einer Seitenstraße in Neukölln, die so dunkel war, dass selbst die Straßenlaternen sie aufgegeben hatten. Das Opfer war ein Mann, dreißig Jahre alt, ohne Vorstrafen, ohne Feinde, ein Buchhalter, der auf dem Nachhauseweg getötet worden war, sauber und schnell, mit einer Präzision, die auf Erfahrung schließen ließ. Hauptkommissar Dorner übernahm den Fall, weil er der Einzige war, der keine Angst vor den Fällen hatte, die keinen Sinn ergaben. Beim zweiten Neumond starb eine Frau in Charlottenburg. Beim dritten ein Student in Mitte. Die Muster waren identisch — ein einzelner Stich, tödlich und genau, keine Spuren, keine Zeugen, keine DNA. Der Mörder arbeitete bei völliger Dunkelheit, als brauche er sie wie andere Menschen das Licht. Die Presse nannte ihn den Nachtfalken, und die Berliner begannen, bei Neumond ihre Türen abzuschließen. Dorner baute eine Sonderkommission auf, dreizehn Beamte, die rund um die Uhr arbeiteten und nichts fanden. Keine Verbindung zwischen den Opfern, kein Motiv, kein Profil, das passte. Der Nachtfalke tötete wie ein Naturereignis — zufällig, unvorhersehbar, unaufhaltsam. Beim vierten Neumond stellte Dorner eine Falle, und die Falle war leer. Beim fünften Neumond kam eine Nachricht, geschrieben auf das Glas des Tatort-Fensters, in einer Handschrift, die so akkurat war wie die eines Kalligraphen: Ich sehe

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