Die-Gnaedigste-Luege
Die Gesandten warteten am Fuß der marmornen Zunge, und hinter ihnen hielt der Herold des Königs eine Schriftrolle bereit, um die Worte des Orakels über drei Wüsten zu den wartenden Heeren zu tragen. Was immer Saphira als Nächstes sagte, würde zum Befehl werden. Sie wusste es. Der Gott wusste es. Darum hatte er ihr die Wahrheit so deutlich gezeigt: Er war gewiss, dass sie sie sprechen würde.
Sechzig Jahre lang war diese Gewissheit ihr ganzes Wesen gewesen. Sie war die Stimme, die sich nicht beugte. Jetzt zu lügen hieß, das eine Gelübde zu brechen, das das Kolleg überlebt hatte, den Tempel, ja den Namen ihres Gottes im Mund der Menschen. Wenn sie log, wäre sie kein Orakel mehr. Sie wäre nur eine alte Frau, der man einst vertraut hatte und die einem Wüstenkönig ein Märchen erzählte.
Sie dachte an die Kinder, die drei Wüsten durchwandert hatten. Sie dachte daran, wie ein Gott, der seit vierhundert Jahren vergessen ist, seine Einsamkeit für Weisheit halten mochte, seine Trauer für Prophezeiung. Und sie dachte: *Er gab mir die Wahrheit. Er gab mir nicht das Recht, die ganze Welt dafür auszugeben.*
Saphira erhob sich. Der Rauch teilte sich um sie. Und in der schlichten, nüchternen Stimme, die in sechzig Jahren kein einziges Mal eine Unwahrheit getragen hatte — der Stimme, der die ganze Welt gerade darum vertraute, weil sie sich nie gebeugt hatte —, sprach sie die gnädigste Lüge,
