Chapter

Die-Letzte-Stimme-Des-Tessaris

Der Gott Tessaris war seit vierhundert Jahren tot, und Saphira war die Einzige, die ihn noch hörte. Sie war die letzte Orakelpriesterin, auch wenn das Wort für das, was sie war, zu groß geworden war. Einst hatte es ein Kolleg gegeben, hundert Frauen in Weiß, die auf der marmornen Zunge des großen Tempels standen, den Rauch der brennenden Blätter atmeten und die Zukunft mit einer Stimme sprachen. Der Tempel war nun eine Ruine, sein Dach offen zum Wüstenhimmel, seine Säulenhalle halb begraben unter der langsamen goldenen Flut der Dünen. Die hundert Frauen waren Staub. Nur Saphira blieb, eine alte Frau, die einen Gott hütete, dessen Namen die neuen Reiche ihren Kindern nicht mehr lehrten. Und dennoch kamen sie. Das war die seltsame Gnade und die seltsame Grausamkeit darin. Die Welt hatte Tessaris vergessen, wie man eine Sprache vergisst, mit einem Mal und ohne Trauer — doch sie hatte den Tempel nicht vergessen, wo man Prophezeiung kaufen konnte. Karawanen durchquerten drei Wüsten, um auf dem geborstenen Marmor niederzuknien. Könige sandten Gesandte. Mütter kamen zu Fuß. Sie glaubten nicht mehr an den Gott; sie glaubten an die *Antworten*, so wie Menschen, die den Fluss verachten, dennoch aus ihm trinken. Und Saphira, die als Einzige Tessaris noch in sich bewegen fühlte wie eine Flut in einer versiegelten Höhle, gab ihnen, weswegen sie kamen. Sie hatte sie kein einziges Mal

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