Kapitel I
I. Vor ungefähr hundert Jähren lebte in Paris in der Straße St. Martin ein Seidenhändler namens Gombert. Er war ungefähr sechzig Jahre alt, Wittwer, und hatte nur ein Kind, eine schöne Tochter von neunzehn Jahren, die wegen ihrer körperlichen Reize nicht weniger Bewunderer fand, als wegen des großen Vermögens, das sie einst ererbte. In der That galt Madeline Gombert für die beste Partie in dem ganzen Stadttheile, welchen ihr Vater bewohnte, und wenn sie sich nicht verheirathete, so geschah es keineswegs aus Mangel an Anbetern. Vor hundert Jahren hatte die Herrschaft der Freigeister in Frankreich begonnen, und die Religion kam aus der Mode; dennoch würde ein Fremder, der eines Sonntagmorgens zufällig in die Kirche St. Merry gekommen wäre, durch die große Zahl der dort anwesenden jungen Männer, welche knieend die Messe oder die Predigt hörten, zu der Meinung veranläßt worden seyn, daß wenigstens in diesem Theile der Stadt die Frömmigkeit noch nicht ganz verschwunden sey. Allein es würde ein unrichtiger, Schluß gewesen seyn denn die große Zahl der Andächtigen wurde lediglich durch, den Umstand dahin gezogen, daß die Kirche St. Merry dasjenige Gotteshaus war, welches Gombert mit seiner Tochter zu besuchen pflegte, und der Wunsch, die schöne Madeleine zu sehen und ihre Aufmerksamkeit zu erregen, hatte mit der der Anwesenheit der Zuhörer viel mehr zu thun als die Aufrichtigkeit ihres