Die Garderobe
Paris im Mai 1917. Das Theater Empyrée-Montmartre hat für seine Frühjahrsrevue »Ça Gaze« achtzehn junge Mädchen engagiert, ferner ein schwächliches Bürschlein und einen achtzigjährigen Tragöden für die unvermeidlichen Rollen des Père de la Victoire, des Grognard de Raffet und des Général en Chef. Die Garderobe der Mademoiselle Mitsou, des Revuestars. Eine Tapete, die zur Zeit, da sie noch weiß und rosa war, geblümtes Leinen vortäuschen sollte. Das war lange vor Mitsou. Ein rohes Holzgestell, das als Toilettetisch dient, mit Frottiertüchern belegt. Ein eiserner Waschständer mit einer Blechschüssel wie in einem Dienstbotenzimmer. Reismehl in Pappschachteln. Ein sehr schön gefaßter Brillantring inmitten von Farbstiften und Büchschen roter Schminke. Kleiner Diwan, so weich wie eine Bank in einem öffentlichen Garten; zwei gestrichene Rohrstühle. Gesamteindruck: »So ist es gut genug!« Zwischenakt. Mitsou allein. Sie ruht sich aus. Ihre Kleidung besteht aus einem Paar fraisefarbener Strümpfe, deren Saum an den Beintrikots befestigt ist, ferner aus Goldschuhen und einem lila Kimono. Die Natur hat Mitsou mit einer Schönheit beschenkt, wie sie die Mode des Tages fordert: Keine Nase – oder sagen wir, ein winziges Näschen –, sehr große Augen, schwarz wie das Haar, rundliche Wangen, ein kleiner, trotziger, frischer Mund. Dies das Gesicht. Und der Körper: schlank, wie sich's gehört, die