Miß Grandells letzte Nacht
1. Kapitel. Wie Miß Grandell zu uns kam … Die trübe Wasserfläche des Kutterhafens von Madras glich bei dieser völligen Windstille und bei dieser unerträglichen Sonnenglut geschmolzenem Blei … Wir hatten uns in Käpten O’Kellings Kajüte geflüchtet, wo wir, nur bekleidet mit seidenen Schlafanzügen, in bequemen Deckstühlen vor uns hin dösten … O’Kelling, auf dessen Kutter »Lady Hamilton« wir seit einiger Zeit als Gäste weilten, war in die Stadt gegangen, um sich nach Verdienst umzusehen. Die Küstenfrachtfahrt lag seit einiger Zeit völlig danieder. Harald Harst, dessen schmales, braunes Gesicht genau wie meine Vollmondwangen von Schweißperlen bedeckt war, saß der offenen Tür am nächsten, vor der ein nasses Stück Segel hing, während auch der Ventilator in der Rückwand dauernd schnurrte. Doch weder das nasse Leinen noch der emsig sich drehende Ventilatorpropeller waren imstande, die Quecksilbersäule des Thermometers herabzudrücken … Es blieben 34 Grad — dagegen war nichts zu machen. Hin und wieder bewegte sich das Segel, durch den Luftstrom des Ventilators beeinflußt, und dann beugte mein Freund Harst den Kopf jedesmal zur Seite und schien durch die schnell sich wieder schließende Spalte zwischen Türrahmen und Leinwand auf das Deck hinauszuspähen, — was ich nun schon eine ganze Weile beobachtete. Der Schiffschronometer des Kutters zeigte drei Uhr — drei Uhr nachmittags, also die