Chapter

Der Todtengräber

Vor fünfundzwanzig Jahren war ich einmal durch ein hartnäckiges neurasthenisches Leiden genöthigt, einen Winter in tiefster Stille und Zurückgezogenheit zuzubringen. Der Arzt hatte mich nach Cannstatt geschickt zu einem Nervenspecialisten, der sein Heil an mir versuchen sollte. Es geschah mit wenig Erfolg, vielleicht auch darum, weil es mir in der kleinen Stadt, die im Winter so verödet war, wie irgend ein Badeort, an aller geselligen Zerstreuung fehlte, während mir jede geistige Arbeit streng untersagt war. Doch die Kunst, nichts zu denken, hatte ich nie geübt, und obwohl ich mich des Schreibens enthielt, trieb die Phantasie nach wie vor ihr Spiel, fieberhaft aufregend und unfruchtbar zugleich, da die Bilderflucht, die durch mein Hirn kreiste, sich nicht gestalten und ihren gesunden Weg nach außen suchen durfte. Zu Anfang freilich hatte ich noch eine trauliche Gesellschaft. In meinem großen, unheimlich leeren Hôtel, nach dessen schattigem Garten an Sommertagen die Stuttgarter zu jener Zeit fleißig hinausspazierten, während es im Winter nur zu Bällen und Hochzeiten benützt wurde, wohnte außer mir nur ein einziger Gast, den ich aber mit Freuden begrüßte: mein alter Freund Berthold Auerbach. Er hatte sich bei einem Arzt, auf den er große Stücke hielt, in die Kur gegeben und war voller Hoffnung, da er nicht ahnte, daß es das letzte Jahr seines Lebens sein sollte. Doch lag, so sehr

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