Meister Martin Hildebrand
W. H. Riehl Meister Martin Hildebrand. (1847.) Einen würdigeren Greis habe ich niemals gesehen als den alten Schlossermeister Martin Hildebrand, den Patriarchen meiner Vaterstadt; in kräftigeren Jahren gewaltig mit Zange und Hammer, in alten Tagen gewaltig im Rat und in der Rede und in traulicher Erzählung aus vergangener Zeit. Der alte Hildebrand war der letzte Mann im Orte, der noch einen Zopf trug, den einzigen echten Zopf, den ich noch mit eigenen Augen geschaut. Kein böser Bube hätte ihn drum zu höhnen gewagt. Vornehm und Gering hatten Respekt vor dem Meister, und unter den Handwerksleuten galt er dazu für ein Licht der Gelehrsamkeit. Doch war ihm dieser Ruf erst mit der Muße des Alters gekommen, denn vordem hatte er keine Zeit gehabt, gelehrt zu werden. Als ihm aber die Schlosserarbeit zu sauer ward und sein Sohn ein tüchtiger Meister im Geschäft geworden war, begann der Alte fleißig zu lesen, namentlich in alten Chroniken und in geistlichen Büchern. Die Gottesgelahrtheit hätte er gerne ausergründet; denn er war ein heftiger lutherischer Christ und ein strenger Wächter der reinen Lehre. Darum hatte ihm die Vereinigung des lutherischen und reformierten Bekenntnisses viel Gewissensangst gemacht, und wenn am Reformationsfeste, das zugleich zu einer Feier der Union geworden, der Pfarrer ausgangs der Predigt die beiden großen Reformatoren mit Namen anrief, dann paßte der alte