Chapter

Meine Tante Therese

Meine Tante Therese. Keine erfundene Geschichte. Wie werde ich jemals meine Tante Therese vergessen? Sie war so bleich und so schön, und so freundlich und weich und doch so stark. Und so war sie, da ich sie zum ersten Male sah vor beinahe fünfzig Jahren, und sie hatte sich nicht verändert, sie war noch eben so schön, als ich sie zum letzten Male besuchte, im Jahre 1850. Zum ersten Male sah ich sie im Sommer des Jahres 1814. „Ich muß meine arme Schwester Therese besuchen,“ hatte meine Mutter schon seit dem Winter gesagt. „Ich muß sehen, ob ich ihr keinen Trost bringen kann.“ Meine Mutter war damals selbst so traurig, schon länger als seit dem Winter, schon seit dem Sommer 1812. Sie hatte seitdem nur Trauerkleider getragen. Meine Mutter fuhr zu der Tante Therese, oder eigentlich zu ihrer Mutter, bei der die Tante lebte, mich nahm sie mit. Ich war ein Knabe von 12 Jahren. Meine Großmutter wohnte in einem alten adligen Schlosse; Schloß Hawichhorst hieß es. Es gehörte mit dem Gute einer alten, reichen, ehemals reichsfreiherrlichen Familie Westphalens, die sich schon seit undenklichen Zeiten außerhalb Westphalens aufhielt. Schon eben so lange waren meine Vorfahren mütterlicher Seits Rentmeister auf Gut und Schloß Hawichhorst gewesen, zuletzt mein Großvater. Er war früh gestorben, und seine Stelle sollte auf seinen Sohn forterben; der jüngste Sohn, Franz, war dazu ausersehen. Der war

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