Chapter

Erstes Kapitel. Verlobung

Vater Gottlieb Pinz war ein Philosoph. Und ein arger Zweifler. An sich selbst und an vielen anderen. Wenn er in seiner Portierloge saß und Filzschuhe nähte und durch das kleine Fenster die Einund Ausgehenden musterte, führte er stets leise Selbstgespräche. Das haben die Schuhmacher oft an sich. Schon der berühmte Hans Sachs, der poetische Kollege Gottlieb Pinzens, sprach gern und viel mit seinem Bruder Innerlich. Leider war aber Gottlieb nicht die Spur poetisch. Im Gegenteil. Er kannte das Leben und die Menschen ziemlich genau. Ziemlich. Nicht ganz genau. Und das war sein Glück. Wenn die schicke Frau Doktor Melzer aus der ersten Etage nachmittags gegen fünf ausging und ihm vertraulich zunickte oder ihm, was häufiger geschah, ein paar gute Zigarren hineinreichte und dazu mit ihrem süßen Stimmchen zwitscherte: „Wie steht's, Pinzchen?“ und wenn er sie dann so ernst durch die Brillengläser angesehen und geantwortet hätte: „So la la, Frau Doktor,“ - wenn das Knistern und Rauschen ihres seidenen, nicht sichtbaren Bekleidungsteiles vertönt und nur noch der zarte Duft ihres Parfüms in der Luft verblieben war, dann stach Vater Pinz wütend mit der Ahle durch die Ledersohle und murmelte: „Auch so eine! keine Kinder, 'n alten Mann und 'n jungen Liebhaber'! Zu dem rennt sie nun hin! Vafluchte Welt!“ Und wenn der Doktor Kelch aus der zweiten Etage vorbeikam, brummte Gottlieb Pinz ähnliches

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