Beginn eines Tagebuches
am 16. Juli »Liebes Kind, nimm dir irgendeine Arbeit vor, das Ferienleben bringt sowieso viele Stunden des Nichtstuns mit sich«, sagte meine Mutter gestern, die nie sehen kann, wenn ihre Tochter unbeschäftigt dasitzt. »Was soll ich nur tun, Mutter«, gab ich zur Antwort. »Zum Essen gehen wir in den ›Goldenen Stern‹; die Zimmer werden vom Personal besorgt, immer Handarbeit ist langweilig.« Da sah mein Vater von der Zeitung auf und warf dazwischen: »Schreibe doch ein Tagebuch, Annchen. Erzähle deine kleinen Erlebnisse, und im Winter, wenn's draußen schneit und stürmt, und wir behaglich in unserem großen Wohnzimmer sitzen, da liest du Eltern und Geschwistern vor, was du geschrieben hast.« Die Mutter nickte mir lächelnd zu, ich aber war so erstaunt, diesen Vorschlag von meinem Vater zu hören, daß ich erst gar nichts sagen konnte, obwohl ich die Idee herrlich fand. Es war ein lieblicher Ort, in einem weiten, von Bergen begrenzten Tal gelegen, wo mein Vater, der an nervösem Kopfschmerz litt, Ruhe und Erholung suchte und durch Stahlbäder seine Nerven kräftigte. Meine Mutter war zur Pflege mitgegangen, und ich? Ja, ich sollte den Eltern wohl zur Erheiterung dienen, denn ich bin gern lustig und oft leider zu allerhand übermütigen Streichen aufgelegt. Ich glaube, ich schwatze den Eltern oft zu viel, darum wünschen sie, daß ich mich eine Zeitlang still beschäftige. Wenn ich nun nicht reden