Erster Teil
Schneeglöckchen Ich habe ihr geschrieben und sie gebeten zu kommen. Der Brief liegt verschlossen vor mir. Ich entsinne mich kaum seines Wortlauts. So behält man von einer tiefen Liebesstunde nur die Erinnerung an eine traumhafte Begebenheit ... Ich bitte sie in dem Brief, zu mir zu kommen, soviel ist gewiß. Werde ich ihn absenden? Durfte ich ihr denn überhaupt so zügellos schreiben, sie so bitten, nach jener Trennung in Mailand und einem zweijährigen Schweigen? Bedeutet ein solcher Brief nicht dasselbe wie ein nächtlicher Einbruch in ihr Schlafzimmer? Sie erwartet mich nicht, ich weiß nicht, wie sie lebt, ob einsam oder nicht, ob zufrieden oder nicht, ich weiß nichts von ihr als den Namen der römischen Straße, worin das Familienhaus der Capponi steht. In den zwei Jahren ist sie für mich eine Fremde, bin ich ein Fremder für sie geworden, ärger, als es ein Toter für den Überlebenden sein kann, denn es fehlt die Gewißheit des Grabes ... Auch andre Fragen stelle ich mir, so, ob ich wohl geschrieben hätte, wenn meine Frau noch lebte, und darauf finde ich keine Antwort, sondern nur zehn verschiedene Antworten, bei denen jede Behauptung mit Bedingungen umstellt ist wie mit Vexierspiegeln ... Aber nein, wenn Doris noch lebte, so hätte ich vermutlich keinerlei Grund, Maria zu Hilfe zu rufen. Ich wäre gesund. Doris und mir, uns fehlte nichts und niemand, als ich sie verlor, und nicht