Margot
In einem großen gotischen Haus der Rue du Perche im Maraisviertel wohnte im Jahre 1804 eine alte Dame, die im ganzen Stadtteil bekannt und beliebt war. Sie hieß Frau Doradour und war – reich, fromm, fröhlich und mildherzig – ein Kind der alten Zeit, nicht jener höfischen, sondern der gutbürgerlichen. Sie lebte sehr zurückgezogen und fand ihre einzige Beschäftigung im Almosengeben und im Bostonspiel mit den Nachbarn. Man aß bei ihr um zwei Uhr zu Mittag und um neun Uhr zu Abend. Sie ging nur aus, um die Kirche zu besuchen, und promenierte zuweilen auf dem Rückweg einmal um die Place Royale. Mit einem Wort, sie hatte sich die Gewohnheiten und fast auch die Kleidung ihrer Zeit bewahrt, bekümmerte sich nur lau um die unsere, verfolgte ihr Stundenbuch aufmerksamer als die Zeitungen, ließ die Welt ihren Gang gehen und hatte nichts weiter vor, als in Frieden zu sterben. Da sie gern plauderte und sogar ein wenig schwatzhaft war, hatte sie in den zwanzig Jahren ihrer Witwenschaft stets eine Gesellschafterin gehabt. Dieses Fräulein verließ sie nie und war ihr eine Freundin geworden. Sie waren immer zusammen: in der Messe, auf der Promenade und am Kaminfeuer. Fräulein Ursule hatte die Schlüssel zum Keller, zu den Schränken und selbst zum Schreibtisch. Sie war ein großes und etwas vertrocknetes Mädchen mit einer männlichen Frisur, sehr gebieterisch, ziemlich mürrisch, und sprach mit