Hans Thoma
Hans Thoma zum 60. Geburtstag 2. Okt. 99. Der schöpferische Geist, das macht den Poeten. Schöpferisch sein im Idealen, das heisst Poet sein. Nur wer eigenen Ideen lebendige Gestalt verleiht, verdient diesen Namen. Nicht jeder Maler ist darum ein Poet. Malen können viel, malen können heut allzuviel. Sie können sogar gut malen, die Allzuvielen. Aber eigene innere Gesichte offenbaren können nur die Poeten unter den Malern, und ihrer sind wenige. Sie kommen nicht alle hier zur Sprache. Besonders fehlen die Engländer, der berauschende Rossetti, der träumerisch-melancholische Burne-Jones, der tiefsinnige und vieldeutige Watts. Ich werde diesen vielleicht später ein besonderes Heft widmen. Die einzelnen Essais dieses Heftchens waren alle bereits in Zeitschriften erschienen, die meisten in der »Nation«; doch werden sie hier fast durchweg in veränderter und erweiterter Gestalt gegeben. Alle Wiederholungen konnten dennoch nicht immer ausgemerzt werden. Das Herausnehmen von Sätzen aus einem Gefüge macht ebenso gut störende Löcher, wie das Herausnehmen von Steinen aus einem Bau, und derartige Ausbrüche sind oft stilistisch schwer auszugleichen. Und desshalb ist Anfang und Ende alles dessen, was ich zu sagen habe, dies: wir nähern uns den edlen Künsten nicht durch schnelles Fahren, sondern dadurch, dass wir unsere Behausungen lieblicher machen und darin verweilen; wir lernen die edlen