Magister Rosslein
In der Stadt Bamberg lebte vor Zeiten ein gelehrter Mann, namens Magister Rosslein, der in der griechischen und lateinischen Sprache wohl erfahren, auch in der Musik und andern freien Kunsten nicht ungeubt war. Weil er aber, von Natur stiller und bloder Gemutsart, weder etwas aus sich selber zu machen, noch sich hohe Gonner und Freunde zu erwecken wusste, so hatte Fortuna, die als ein Weib nur kecken Gesellen hold ist, sich ihm nimmer freundlich erweisen wollen; er musste vielmehr als Ratskopist und nebenbei mit Unterricht in alten Sprachen und Musik sich fast kummerlich durch die Welt schleppen, und kam, der Ordnung und Sparsamkeit uberdies wenig ergeben, und dem Weinglas etwas uber die Gebuhr zugetan, in seiner Wirtschaft von Tag zu Tage mehr zuruck. So geschah es denn, um solchem Ubel auf einmal einen Riegel vorzuschieben, und weil ihn die grauen Harlein da und dorten auf seinem Haupte an eine Pflegerin im Alter erinnerten, dass er eine noch in frischen Jahren bluhende Witwe, die in seinem Hause wohnte, zur Ehegenossin erkor, dadurch aber in der Wahrheit nur desto grosserem und unleidlicherm Ubel Tor und Tur offnete. Frau Mathildis war gar hoffartigen und herrischen Wesens und heftigen, unvertraglichen Gemutes, wusste sich bald des Hausregiments dergestalt zu bemachtigen, dass er nichts ohne ihren Willen tun oder lassen durfte, hielt ihn in scharfer Zucht und schmaler Kost,