Prinzessin Zoraide
König Krantimor war ein so rechtschaffner Mann; daß er sich gradezu auf seinen Thron setzen mußte, um jemand zu überzeugen, er sey daran gewöhnt. Mit unerschütterlicher Standhaftigkeit beharrte er darauf, zu seinen Verordnungen nichts als den Nahmen herzugeben, und sich dem zufolge alle Morgen einige Bücher weißes Papier reichen zu lassen, worauf er dann seine Minister das Übrige hinzusetzen lies. Eben so eifrig trieb er seine Generale an, so viel Schlachten als möglich zu gewinnen, um dann als Vater des Volkes, das Tedeum mit der gehörigen Würde absingen, und die gewöhnlichen Glückwünsche deswegen annehmen zu können. Von der Wichtigkeit seines Lebens überzeugt, stärkte er sich täglich durch eine wohlgeordnete Jagd. Küche und Keller wurden Abends zuvor auf das solideste besorgt, und es verstand sich von selbst: daß man, bey dieser wichtigen Staatsangelegenheit, auf einige verwüstete Saatfelder weiter keine Rücksicht nehmen konnte. Die Königin war vor einigen dreyßig Jahren sehr schön, das heißt alles gewesen was man vernünftiger Weise von einer Königinn verlangen kann. » Nicht viel verlangt!« – wird man sagen – Aber die arme Königinn mag das Gegentheil beweisen. »Welch ein Hals! Welch ein Mund! Welch ein himmlisches Auge!« – riefen die grausamen Hofleute alle Abende. »Barmherziger Gott! Welche Flecken! Welche Runzeln! Welche schreckliche Vertiefungen! wiederhohlte der noch