Clairval und Amalie
Amalie von Osville war durch die Gunst der Natur und des Glücks nicht minder verzärtelt worden, als durch ihre Aeltern in der Kindheit und durch die Welt, seit dem Tage, wo sie eine Zierde dieser bunten Bühne ward. Zu früher Weihrauch hatte ihr den Kopf eingenommen und der Eitelkeit so viel Raum gemacht, daß für verständiges Nachdenken zu wenig übrig blieb. Doch bei einem sechzehnjährigen Mädchen voll Reiz und Anmuth übersieht man leichte Mängel. Die Eitelkeit einer Geliebten wird ihr als Gerechtigkeit gegen sich selber angerechnet, und man vergißt, daß sie durch Bescheidenheit noch mehr gefallen würde. Clairval liebte Amalien. Das leichteste und sicherste Mittel, ihr zu gefallen, Schmeichelei, führte ihn zum Ziele. Er besaß einen lebhaften Geist, eine regsame Einbildungskraft und das Talent, jene artigen Verse zu machen, welche kein anderes Verdienst haben, als daß sie auf den Augenblick passen, wie Funken glänzen und schnell vergehen, aber doch zuweilen einen tiefen Eindruck auf das Herz Derjenigen machen, die den Dichter begeisterte. Seit zwei Jahren waren Clairval und Amalie vereint, und ein holdes Kind befestigte die Verbindung, die noch kein trüber Augenblick gestört hatte. Allmälig war jedoch in Clairval's Sprache und Benehmen eine unmerkliche Veränderung vorgegangen. Er liebte seine Frau noch mit der alten Zärtlichkeit, aber freilich feierte er sie nicht mehr durch