Chapter

Madonna

Und da lag er, der prachtvolle See! Leise schlugen die grünen Wellen gegen die Hafenmauern von Colico; sengend strahlte die Mittagssonne auf die herrliche Fläche; da und dort schlich, halb eingeschlummert, ein einsames Segel an dem schattigen Gestade von Gravedona hin. Mein Reisegefährte, der Privatgelehrte Dr. Würmle, hatte sich, einen Sonnenstich befürchtend, in das Wirtshaus gegenüber geflüchtet; ich spannte mit deutscher Gemütsruhe meinen Schirm aus, legte mein Skizzenbuch auf die Brüstung und zeichnete – nichts! Dort gegen Süden, über der waldigen Landzunge, wiegte sich eine Pinie; drüben bei Domaso entdeckte ich hinter einer blendend weißen Kirche die ersten Zypressen. Mein Herz klopfte schneller. Ich hatte so oft von Pinien geträumt; träumte ich wieder? Ich riß meine Augen auf, so weit es ging, ich atmete tiefer. Die Pinie blieb stehen, der Balsam der Luft durchdrang mir alle Glieder; es war Wirklichkeit, ich war am Comersee, ich war in Italien! Das Dampfschiff, das etwas abseits lag, sollte um ein Uhr abgehen und fing eben erst zu rauchen an, als ein Herr langsam über den Damm auf mich zugeschritten kam und sich schweigend über die Brüstung hinausbeugte. Wir sprachen wohl eine Viertelstunde lang kein Wort; ich vergaß ihn fast. Ob ich mir laut etwas vordeklamierte – ich kann es nicht mit Bestimmtheit leugnen; es kommt bei jungen Leuten vor, die Italien zum erstenmal

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