Erstes Kapitel
Madelon oder die Romantiker in Paris. Eine Novelle Leipzig, 1832 Georg Wolbrecht. In Paris sah man heut – es war im Herbste des Jahres 1829 – überall auffallend bedenkliche Gesichter und bestürzte Mienen, woraus man in dieser wunderbar bewegten Stadt, in der ungeachtet des vielen Neuen und Ungewöhnlichen, das täglich und stündlich darin geschieht, der gewohnte Gang des Lebens kaum je zu stocken scheint, und das Neue noch in demselben Augenblicke, in dem es neu war, wieder zu etwas Gewöhnlichem wird, woraus man in Paris immer auf ein außerordentliches politisches Ereigniß zu schließen hat. Der Fremde, der sich heut zum ersten Mal in Paris befand, sah alles Leben der französischen Hauptstadt in seinem ganzen unversieglichen Gestaltenwechsel vor sich, wie es schon immer gesehen und schon oft geschildert worden, aber er hatte zugleich den Vortheil, es in einem Zeitpunkte zu sehen, wo der Volkscharakter durch einen besondern Anlaß angeregt und in Bewegung gesetzt war. – Etwas Aehnliches mochte der alte preußische Major bemerken, der mit seiner Tochter, einem schönen deutschen Mädchen, vor Kurzem angekommen war, und in seinem Hôtel garni nachdenklich am Fenster stehend, auf die von der zahllosen Menschenmenge bedeckte Straße herunterblickte. Sein Töchterlein, der bei der überraschenden Aussicht auf das nie gesehene Gewühl von tausend fremden Gegenständen fast bange zu werden schien,