Lotte Naseweis
Es herrschte heute merkwürdige Ruhe in der IV O. Die lustigen Plappermäulchen wagten nur im Flüsterton zueinander zu sprechen, die übermütigen Blauund Braunaugen blickten in scheuer Ehrfurcht umher. Solch ein erster Tag in einer neuen Klasse hat immer etwas Beklemmendes für die jungen Herzen. Der ungewohnte Raum, der sogar schon einen physikalischen Schrank enthielt, wirkte ganz unbedingt feierlich. Jedes der etwa zwölfjährigen Mädchen fühlte die Verpflichtung, die Würde der höheren Klasse durch möglichst gesetztes Wesen zur Schau zu tragen. Und das war noch nicht einmal alles, die neue Klasse! Auch einen funkelnagelneuen Lehrer erwartete man, der bisher an einem Knabenrealgymnasium unterrichtet hatte, und dem allerlei aufregende Gerüchte voranliefen. »Mächtig s–treng soll er sein, Abgucken beim Extemporale gibt's nicht, sagt mein Bruder, und wen er auch nur ein einziges Mal beim S–prechen ertappt, dem verdirbt er ohne Gnade die Zensur im Betragen!« Die braunzöpfige Lotte Martin, die Zweite der Klasse, rief es im schönsten Hamburger Dialekt. In die Flüsterstille hinein klangen ihre Lauten Worte besonders inhaltsschwer. »Na, dann nimm du dich nur zu allererst in acht, Lotte, daß dir der Mund nicht in den S–tunden bei ihm vorweg läuft«, sagte ihre Intima Erna, die die Schwäche der Freundin am besten kannte, mit leisem Übermut. »Pah – ich habe nicht soviel Angst vor Doktor Matz.