Erstes Kapitel
Eine schöne Historie will ich Euch verkünden; die Worte darin sind lieblich, und sagen von hübschen Abenteuern, welche in Wahrheit geschehen sind. Dies Buch ist aus dem Lateinischen ins Welsche, und vom Welschen ins Deutsche übertragen, und sagt von zwei getreuen Gesellen, getreuere wurden nie erdacht. Sie waren beide Fürsten; der eine war König Karls Sohn von Frankreich, und hieß Lother; der andre war des tapfern König Galyens Sohn, und hieß Maller; seine Mutter, die schönste Frau der damaligen Zeit, ward Rosamunde genannt. Lother nahm in allen Tugenden zu, war fröhlich und heiter; darüber gefiel er allen Frauen so wohl, daß sie ihn alle liebhatten. Dies verdroß viele von der Ritterschaft sehr, sie gingen hin vor Ludwig, König Karls Sohn, und klagten über Lother. Herr, sprachen sie, Euer Bruder Lother geht stets zu unsren Frauen, und wir können es auf keine Weise verhindern. Er läßt nicht ab, wenn Ihr ihn nicht auf sieben Jahre aus dem Lande verbannt; unterdessen wird ihm vielleicht der Schimpf vergessen, und dann würde er wohl verständig genug sein, Gutes und Böses zu verstehen. Bliebe er aber hier, so mögtet Ihr fürwahr wissen, er brächte Eure hohe Verwandte in solchen Zorn und Unwillen, daß Ihr und Euer Vater nicht wissen werdet, Euch zu sichern. Darum, Herr, bitten wir Euch, dies Eurem Vater vorzulegen. – Ich will es gern tun, sprach Ludwig, ging zu seinem Vater, dem König