Lisa's Tagebuch
Dresden, den 8. Juni 1886. Du willst wissen, wie sich Alles zugetragen hat, liebe einzige Lenotschka? Da hast Du die ganze ausführliche Geschichte — wem theilte ich sie lieber mit als Dir! Denke nur, noch kein Monat, seit wir in Riga von einander Abschied nahmen, und so Viel schon erlebt! Ja, liebes Herz, nun bin ich recht froh, daß Mademoiselle Vertueux mich auf den Gedanken brachte, Alles aufzuschreiben, was mich interessirt. Damals schien’s mir so unnöthig. Du erinnerst Dich doch an den Tag, wo Mama mich aus der Pension holte und Mademoiselle Vertueux sagte: „Ich glaube, es ist überflüssig, gnädige Frau, daß Lisa ihr Piano übt oder singt — sie hat gar kein musikalisches Gehör.“ „Wie schade — so soll sie fleißig malen.“ „Mademoiselle Lisa fehlt leider auch für die Kunst das heilige Feuer, ohne das man Nichts erreicht.“ „Mein Gott,“ rief Mama enttäuscht, „hat meine Jüngste denn gar keine Talente?“ „Professor Steinberg findet, daß Mademoiselle Lisa sich mit der Feder gar nicht übel ausdrückt, und wenn …“ „Pfui — ein Blaustrumpf! In unserer Familie ein Blaustrumpf — Horreur!“ „Gnädige Frau — Madame de Sevigné gehörte zur besten Gesellschaft, obgleich sie sehr gute Briefe schrieb. Lassen Sie Mademoiselle Lisa jeden Tag ein paar Seiten aufsetzen über ein Buch, das sie gelesen, oder einen Besuch, den sie gemacht hat, oder …“ Mama seufzte schwer. „Es ist das Rechte nicht — nein,