Chapter

Vorwort

Indem wir rücksichtlich der Bedenken, welche gegen die Zugänglichmachung der Liebesgedichte Ovids für das größere Publicum sich erheben dürften, auf unser Vorwort zu den Liebesergüssen im vorigen Theile der Werke Ovids verweisen, können wir nicht umhin, über den Werth der Liebeskunst desselben Dichters auf das Urtheil Lessings, das auch auf die übrigen erotischen Erzeugnisse Ovids gleiche Anwendung findet, zurückzukommen. Vollkommen beizustimmen ist dem großen Kritiker, wenn er Ovids Kunst zu lieben unschätzbar nennt in Bezug darauf, daß wir durch sie und fast nur durch sie allein ein Bild von der gesellschaftlichen Cultur des Römervolkes, einen Begriff von der Artigkeit der alten Römer, von ihren feineren Sitten, von dem Geschmacke in ihren Ergötzungen, dem Tone in ihren Gesellschaften, der Wendung ihrer zärtlichen Empfindungen gewinnen. Wenn er aber hinzufügt, daß dieses Gedicht auch eine Seite habe, von welcher aus betrachtet das Urtheil anders lauten müsse, und das sei die Seite, auf welcher es seinem Titel widerspreche; lehrte Ovid die Kunst zu lieben, er würde der liebenswürdigste und unschuldigste Dichter sein; die schamhafte Jugend würde ihn lesen, und jener Trieb der Natur würde ein Führer zur Tugend werden, während er bei denen, die ihn nicht zurecht zu legen wüßten, ein Verleiter zu den unsaubersten Ausschweifungen werde; Ovid lehre die Wollust, jene sinnliche, die

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