Erstes Capitel
Ob Susanne wirklich das Geheimniß der Marquise errathen hatte? Emma hegte für Louis von Fontanieu eine Neigung, welche sie mit aller Willenskraft bekämpfte, welche aber trotzdem in ihrem Herzen weiter um sich griff, weil die Anstrengungen, welche der Kampf erforderte, die Marquise erschöpften. Emma hatte sich schon bei der ersten Unterredung zu dem jungen Manne hingezogen gefühlt: er hatte weder die Gemeinheit der Gesinnung noch die Geckenhaftigkeit derer, welche sie bis dahin kennen gelernt hatte. Die Begeisterung, mit der er sich ihrem Glücke zu widmen versprach, wies ihm in ihren Gedanken einen bevorzugten Platz an. Schon den Tag nach ihrer Unterredung konnte sie glauben, daß er Wort gehalten. Sie erwartete seinen Besuch; sie wollte ihm, wie sie dachte, nur danken für diesen glänzenden Beweis seiner Ergebenheit, nur von dem undankbaren Raoul mit ihm sprechen; aber vielleicht gehorchte sie schon einer leisen Regung der Liebe, vielleicht trieb der zarte Gefühlskeim, der ohne ihr Wissen in ihr Herz gefallen war, schon die ersten Knospen. Aber Louis von Fontanieu kam nicht. Er fühlte eine unüberwindliche Verlegenheit, der vornehmen Dame unter die Augen zu treten, der er eine Liebeserklärung gemacht und die er gleichwohl vergessen hatte, um sich in den Netzen einer gemeinen Grisette fangen zu lassen. Seine Schüchternheit that mehr für ihn, als er von dem schlauesten Plan hätte