Kapitel I
Es war spät am Abend, ein heftiger Sturm schüttelte an den Fenstern und Thüren des alten herrschaftlichen Schlosses; die Dienerschaft hatte sich, da ihr Tagesgeschäft fast vollendet war, in einen entfernten Theil des weitläufigen Baues zurückgezogen, und saß hier um die Flamme des Ofens in behagliche Gruppen vertheilt. Nur einer fehlte in diesem Kreise, und zwar die Hauptperson; dieses war der alte Kammerdiener Christian, ein treuer Anhänger des Hauses, der vor wenigen Tagen seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Er war, da der Postbote, welcher zweimal wöchentlich in's nahegelegene Dörfchen hinab mußte, krank geworden, selbst hingeritten, um seiner jungen Herrschaft, den beiden Comtessen, sich auf's angelegentlichste dienstbar zu bezeigen. Nun konnte es seyn, da er schon frühe ausgeritten und noch nicht heimgekehrt war, daß dem alten Mann in der Finsterniß ein Fährniß zugestoßen, oder daß das ungewöhnlich starke Wetter, welches seit zwei Stunden ununterbrochen wüthete, ihn im Dorfe zurückgehalten habe. Die alte Gertrud, die frühere Wärterin des jüngsten Fräulein, meinte jedoch kopfschüttelnd, daß den Christian der Tod selbst nicht abhalten könne, zur bestimmten Zeit einzutreffen, wenn er im Dienst seiner Herrschaft einen Gang angetreten, denn so etwas Genaues und Eifriges im Geschäfte gäbe es durchaus nicht mehr, und der Christian sey eben auch noch ein Stück aus der