Chapter

Einleitung

»Der Mensch übersteht Erdbeben, Epidemien, grauenhafte Krankheiten und alle erdenklichen Seelenqualen, aber die qualvollste Tragödie zu allen Zeiten war, ist und wird immer sein die Tragödie des Schlafzimmers.« In dieser Äußerung, die Tolstoi unwillkürlich in Gorkijs Gegenwart entfahren ist, finden wir den Schlüssel zu seinem tragischen Schicksal. Die Tragödie des ehelichen Schlafzimmers wurde zur Tragödie von Tolstois Leben und Schaffen. Doch hat bisher niemand in dies Allerheiligste der Seele des großen Dichters hineingeblickt; niemand hat den inneren Aufruhr erfaßt, der, oft unheimlich und immer qualvoll, den Zwiespalt heraufbeschwor zwischen Tolstoi dem Künstler und Tolstoi dem Moralisten, die einander bekämpften, diesen Zwiespalt, der zu überreizter Nervosität und Überspannung führte, mit jedem Tag ein krankhaftes Welt- und Lebensempfinden steigerte, der die Gattin von diesem Leiden in die Kinderstube, in rastlose häusliche Betätigung flüchten, sie zur Hüterin und Wahrerin des Talentes ihres Mannes werden und den Dichter im Schaffen und im »Forschen nach der Wahrheit« Zuflucht suchen ließ. Die beständige Nervenspannung, die nicht abreagiert wurde, keine natürliche Lösung fand, führte zu Erkrankung, Überreiztheit, Hysterie, grundloser Eifersucht und schließlich zu genialem Wahnsinn. Die Gatten begannen am Leben zu verzweifeln, gaben sich gegenseitig schuld an ihren Leiden,

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