I. Legenden
Eine alte Frau stieg den Bergpfad hinan mit kleinen trippelnden Schritten. Sie war klein und mager. Ihr Antlitz war verblichen und welk, aber nicht hart oder gefurcht. Sie trug einen langen Mantel und eine gekräuselte Haube. Ein Gebetbuch hatte sie in der Hand und ein Zweiglein Lavendel im Taschentuche. Sie hatte eine Hütte weit oben auf dem Hochfelsen, da wo die Bäume aufhören zu wachsen. Sie lag ganz am Rande des breiten Gletschers, der seinen Eisstrom von dem schneebedeckten Berggipfel hinab in den Thalgrund stürzte. Da wohnte die Alte ganz einsam. Alle, die zu ihr gehört hatten, waren tot. Es war Sonntag, und sie war in der Kirche gewesen. Aber wie es nun kommen mochte, hatte die Wanderung sie nicht froh, sondern wehmütig gestimmt. Der Pfarrer hatte vom Tode gesprochen und den Unseligen, und das hatte sie ergriffen. Plötzlich hatte sie sich erinnert, daß sie in ihrer Kindheit erzählen gehört, daß viele Unselige in der ewigen Kälte auf dem Bergesgipfel oberhalb ihrer Wohnstatt gemartert wurden. Sie erinnerte sich an Sage um Sage von diesen Gletscherwanderern, diesen unermüdlichen Schatten, die von den eiskalten Bergwinden gejagt wurden. Sie empfand mit einemmal tiefes Entsetzen vor dem Berge und es dünkte ihr, daß ihre Hütte furchtbar weit oben lag. Wenn nun sie, die unsichtbar dort auf der Höhe der Alpen wandern, den Weg hinab über den Gletscher nähmen! Und sie, die ganz